Gewaltschauspiel
„Der Begriff Gewalt bedeutet, etwas mit Zwang vor allem psychisch und physisch durchzusetzen. Dabei gibt es zwei Parteien. Zum einen den Täter, der die Gewalt ausübt, und auf der anderen Seite das Opfer. In der Rechtsprechung wird Gewalt definiert als körperlich wirkender Zwang durch die Entfaltung von Kraft oder durch sonstige physische Einwirkung, die nach ihrer Intensität dazu geeignet ist, die freie Willensentschließung oder Willensbetätigung eines anderen zu beeinträchtigen.“ (Quelle: Violencestudy.org)
Besonders an Schulen ist Gewalt ein altbekanntes Thema und kein Fremdwort mehr, weshalb es in diesem Bereich besonders wichtig ist, Auswirkungen und mögliche Folgen den Schülern näher zu bringen. Dies funktioniert meist am besten, indem man Beispiele anhand wahrer Ereignisse vorführt, welche oft schocken und nachdenklich machen sollen. Auch an unserer Schule ist dies keine Ausnahme und die achten und neunten Klassen werden Zeugen einer solchen Vorführung.
Zuerst kommt es einem wie eine ganz normale Theatervorführung in der Aula vor, fünf Personen sitzen auf der Bühne, in ihren Gesichtern kann man die verschiedensten Gefühlsregungen ablesen, von Desinteresse bis zur Belustigung und zur Angst. Auch ein Mann, welcher sich als Mentor dieser Leute ausgibt und sie nacheinander den Schülern vorstellt, ist immer an ihrer Seite. Und genau an dem Punkt beginnt die Aufführung, welche an manchen Stellen so realistisch wie auch überzeugend dargestellt ist, dass es in vielen Augenblicken schwerfällt, das Schauspiel von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Gruppe, gefüllt mit Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, von einem reuevollen Lehrer bis hin zu einem vergnügten Sadisten, stellt frühere Gewalttäter dar, welche Strafstunden damit verbringen müssen, Schülern von ihren früheren Taten zu erzählen, um sie möglicherweise vor denselben Fehlern zu bewahren. Die Art und Weise, wie diese Geschichten dargestellt werden, wie auch die emotionalen Ausbrüche oder auch die wütenden Reaktionen der Täter wie auch Opfer, zeugen entweder von wahrem schauspielerischen Talent oder auch von echten Gefühlen.
Auch die Schüler bilden sich schnell ihre Meinung zu den verschiedenen Charakteren, wobei sie immer sehr verschieden auf die neuen Erzählungen reagieren, aber nie wirklich in die Handlungen auf der Bühne eingreifen, obwohl beabsichtigt oft auch Provokationen an das Publikum ausgesendet werden, um es für diese wahrscheinlich so realistisch wie möglich zu machen. Doch trotz dieser Bemühungen hängt immer das Misstrauen der Schüler in der Luft, ob dies dann doch nicht einfach nur ein besonders gut gespieltes Theaterstück sein soll. Dabei ist am Ende aber genau ihre Meinung gefragt, als alle in verschieden Gruppen aufgeteilt nach einem Gespräch mit der jeweiligen Gewaltperson einen Fragebogen ausfüllen müssen, wo sie unter anderem Sympathiepunkte an diese verteilen.
Um diese Verteilung aber auch nachvollziehen zu können, sollen hier auch die verschiedenen Eigenschaften und Beweggründe zu den Gewalttaten der handelnden Personen dargestellt werden. Dabei besitzt jeder von ihnen ihren eigenen Standpunkt gegenüber Gewalt.
Als erstes wird hierbei Ümit vorgestellt. „Gewalt ist menschlich und auch notwendig“, stellt er sofort klar und spricht die Schüler mit seinem lässigen, fast schon vulgären Umgangston und seiner entspannten und jugendlichen Verhaltensweise an und kann ihnen so auch am besten imponieren. Dabei schafft er es, durch viel Humor und dick aufgetragene Sprüche diese auch bei eher unpassenden Situationen zum Lachen zu bringen, womit er am Ende die vollen Sympathiepunkte erhält und auch besonders viel Respekt von den Schülern. Ümit stellt sich sofort als der Türke dar, welcher in Gewalt, also in einem schlechten sozialen Umfeld, aufgewachsen und somit auch an diese gewöhnt ist. Da er sie auch selber oft anwenden musste, um sich schützen zu können, ist Gewalt für ihn normal und somit auch notwendig, aber leider auch sehr belanglos geworden, da er selbst erzählt, dass wenn ihn jemand auf der Straße schief anguckt, er ihm sofort eine knallt, aber dadurch, dass einer seiner besten Freunde von Ausländerfeinden zum Krüppel geschlagen wurde, scheinen ihn die Schüler besser zu verstehen und empfinden auch Mitleid für ihn. Dabei ist er selber in jederlei Hinsicht gewaltbereit, was sich dadurch zeigt, dass er einem seiner Gruppenkameraden namens Locek droht, ihn beleidigt und später auch wütend aus der Aula hinausstürmt. Doch auch dies erscheint nicht wirklich bedenklich, schließlich hatte er ja seine „Gründe“ für diesen Ausraster.
Später wird dann Locek vorgestellt, der hierbei den perfekten Gegenspieler von Ümit darstellt, mit seiner Aussage, dass „Gewalt geil ist und auch Spaß macht.“
Im Gegensatz zu Ümit kommt er ziemlich schlecht bei den Schülern rüber, da er sich als Ausländerfeind darstellt und Gewalt als witzige und gute Sache beschreibt, wobei eine leicht sadistische Seite in ihm zum Vorschein kommt. Er erzählt, wie seine Mutter ihren Job aufgrund von Ausländern verloren hat, woraufhin er einen unbändigen Hass auf diese entwickelt. Dieser reicht schon so weit, dass es ihm Spaß macht, diese Art von Menschen zu quälen, und dass er es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ausländer aus Deutschland zu vertreiben. Der Grund, warum er in der Gruppe sitzt, ist, dass er die Leute, wegen derer seine Mutter ihren Job verloren hat, auf brutalste Art und Weise zusammengeschlagen hat und diese Tat geradezu mit Stolz präsentiert. Dadurch zieht er sofort Ümits Wut auf sich, wodurch die erste Auseinandersetzung vorprogrammiert ist. Aufgrund seiner Haltung zu Gewalt und der Art und Weise, wie er sich selber lobt und sich nicht ändern will, ist er bei so gut wie allen Schülern unten durch und kann keinen einzigen Sympathiepunkt für sich gewinnen.
Katrin ist die erste Frau in der Runde, die sich vorstellt, mit der Aussage: „Gewalt ist Sex.“
Obwohl sie selbst nicht das Opfer ist, kommt sie besonders verstört und verängstigt rüber, schließlich wurde sie damals bei ihrem Versuch, eine Frau vor einer Vergewaltigung zu retten, selber stark verletzt. Dies lässt sie zunächst als sehr mutigen und guten Menschen dastehen, aber tatsächlich wurde sie sehr von dem Erlebnis geprägt, denn gleich darauf rät sie jedem in der Aula, das was sie getan hat, nicht nachzumachen und sich nicht für andere einzusetzen, wenn man sich dabei selbst in Gefahr bringt. Diese Haltung und Einstellung gegenüber Hilfestellung und Zivilcourage stellt sie schnell in ein sehr schlechtes Licht, obwohl sie die ganze Zeit schüchtern und sensibel rüber kommt und kaum die Auseinandersetzung zwischen Locek und Ümit ertragen kann. Nach diesem Vorfall ist sie der Meinung, dass Gewalt aufgrund von Trieben der Menschen entsteht, wozu definitiv auch Sex gehört. Obwohl sie das einzige Opfer in der Gruppe ist, zeigt sie durch ihre Einstellung fast schon ein Täterverhalten, da sie, falls sie wieder eine Gewalttat beobachten würde, nicht helfen würde. Das ist auch der Grund, warum ein Großteil der Schüler sie nicht mochte und auch diesmal nur wenige Sympathiepunkte vergeben wurden.
Sogar ein Lehrer, Herr Baumgarten, ist in der Gruppe vertreten, mit den Worten: „Gewalt kann verhindert werden.“
Bei Baumgarten wird nicht sofort deutlich, ob er nun Täter oder Opfer ist. Er macht schnell klar, dass er strikt gegen jede Art von Gewalt ist und sie eigentlich niemals anwenden würde, da er auch der Überzeugung ist, dass diese an sich nicht nötig ist und man Gewalt durch logisches Denken verhindern kann. Am Anfang kommt er so noch am vernünftigsten von allen rüber. Dann erzählt er aber davon, wie er einen seiner Schüler, nachdem dieser ihn wiederholt niedergemacht hat, vor der Klasse verprügelte, welche ihn auch nie mit sonderlich viel Respekt behandelte. So hat er also eines Tages einfach die Geduld verloren, aber auch eine Strafe verbüßt und er ist seines Lehreramtes enthoben worden. Dadurch, dass er viel Reue über seine Tat vor den Schülern zeigt, geben sie ihm dafür später auch mehr Sympathiepunkte.
Zu guter letzt kommt noch Nicole, welche einfach nur sagt, dass „Gewalt Scheiße“ ist.
Sie stellt jedoch die typische Gewalt dar, die immer noch in vielen Schulen dominiert, indem sie sich über andere Mitschüler, welche nicht in ihr Schema passen, lustig macht und sie quält, zwar nicht körperlich, aber seelisch. Dies wird klar, als sie erzählt, wie sie ein Mädchen solange gemobbt hat, bis es sich selber schwer verletzte, doch statt wie Baumgarten ihre Tat zu bereuen, ist sie desinteressiert, genervt, sieht ihre Schuld nicht ein und tut alles immer noch als einen Scherz ab, bei dem sie nicht versteht, warum alle ihr die Schuld an diesem Unfall geben. Schließlich hat sich dieses Mädchen doch selber verletzt und nicht Nicole.
Mit diesem störrischen und respektlosen Verhalten ist sie nicht nur bei den anderen aus ihrer Gruppe, sondern auch bei den Schülern schnell unbeliebt geworden und ist sich bis zum Ende hin keiner Straftat bewusst. Nicole will hierbei nicht verstehen, dass psychische Gewalt genauso schlimm sein kann wie physische Gewalt.
Obwohl die Schauspieler am Ende selber aufgelösen, dass alles nur gespielt ist, und sie dann auch für Fragen offen sind, sind die Szenarien dennoch sehr realistisch und sollen auch unter den Schülern zum Nachdenken anregen. Schließlich gibt es nicht nur die „eine richtige Gewalt“. Menschen, welche solche Straftaten begehen, haben meist die verschiedensten Beweggründe, von denen diverse verständlicher waren als andere. Außerdem wird man nicht nur gewalttätig, indem man jemand anderen körperlich verletzt, sondern auch durch Mobbing oder möglicherweise unterlassene Hilfeleistung. Über all diese Faktoren sollte man lieber einmal nachdenken, bevor man sich selber dazu entschließt, Gewalt zur Lösung anzuwenden.